Veranstaltungen -   Interview 


Interview mit unserem Dompropst Dr. Müllejans

 Aachener Dompropst Dr. Müllejans
Aachener Dompropst Dr. Müllejans

Sie sind der Propst des Aachener Doms. Können Sie uns Ihre Aufgaben, die Stellung und die Aufgaben des Domkapitels erläutern?
 
Dr. Müllejans: Ich bin der Propst des Aachener Domkapitels. Das verkürzte Wort Propst deutet schon auf die Aufgaben hin. Es ist das Lateinische Praepositus. Ich bin also der Vorsteher oder der Vorsitzende des Domkapitels. Dieses Kapitel ist ja ein Gremium, in dem demokratisch abgestimmt und gehandelt wird. Also führe ich im Prinzip die Beschlüsse des Domkapitels aus, und von daher heißt das mehr oder weniger konkret, daß ich für alles im Dom zuständig bin, was ich natürlich nicht in Person tun kann, sondern mit Hilfe Delegierter und fachkundiger Mitarbeiter. Das Domkapitel war früher der Senat des Bischofs, heute ist das übertragen an den Priesterrat. Aber in dem Priesterrat ist wieder eine Untergruppierung, das consilium consultorum, das wiederum mit dem Domkapitel identisch ist. Die wichtigste Aufgabe des Domkapitels ist, den Bischof zu wählen. Die Details würden zu weit führen, wie das alles im einzelnen abläuft. Insofern ist das Domkapitel doch noch ein Beratungsorgan des Bischofs. Primär ist das Domkapitel natürlich für den Dom verantwortlich, konkreter hat es dafür Sorge zu tragen, daß im Dom gebetet wird und daß würdig die Gottesdienste gefeiert werden. Damit das aber geschehen kann, muß dieser 12 Hundert Jahre alte, ehrwürdige Dom erhalten bleiben. Um das ganze zu bewerkstelligen, braucht man Mittel und Personen, und deshalb sind wir ein mittelgroßer Betrieb mit plus minus 100 Mitarbeitern, die hauptamtlich oder nebenamtlich wirken. Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Ehrenamtlern. Was da geschieht, kann man ja täglich hier in Aachen sehen. Insbesondere muß ich mich bemühen die Mittel aufzutreiben für diese ganzen Maßnahmen. Dabei bekomme ich natürlich Hilfe von öffentlicher Stelle, insbesondere aus der Kirchensteuer, vom Staat. Aber da das nicht reicht, muß ich mich auch um sogenannte private Akquisitionen bemühen. Das ist ja hier in Aachen Stadt bekannt, mit der Aktion „Der Aachener Dom braucht Hilfe“. Daneben haben wir auch eine ganze Fülle von ehrenamtlichen Mitwirkenden, z.B. der ganze Domchor besteht ja aus lauter Ehrenamtlichen, aber wir müssen einen Domkapellmeister hauptamtlich haben, wir müssen einen Domorganisten hauptamtlich haben, wir brauchen die Sakristane, wir brauchen die Verwalter des Schatzes, Baubüro etc., damit das läuft.
 

Seit dem Jahre 1988 führen Sie mit großem Engagement die Initiative „Unser Dom braucht Hilfe“. Zum Kuratorium der Stiftung Aachener Dom gehören Staatsoberhäupter aus ganze Europa. Was sind die verbindenden Wertvorstellungen aus Ihrer Sicht?
 
Dr. Müllejans: Neben den öffentlichen Zuschüssen bemühen wir uns auch privat an Mittel zu kommen. Und da muß ich zuerst den Aachener Dombauverein nennen, der muß in Aachen, der Karlsstadt natürlich Karlsverein heißen. Er bemüht sich seit 150 Jahren als älteste Aachener Bürgeriniative die Mittel zu erwerben und auch für die Mitarbeit im Dom zu motivieren. Dann habe ich vor 10 Jahren diese Aktion „Der Aachener Dom braucht Hilfe“ ins Leben gerufen und diese ist angenommen worden, nicht nur von Aachener Bürgern und Bürgerinnen, sondern weit darüber hinaus. Kürzlich hatten wir das 10 jährigeBestehen dieser Aktion, und wir können immerhin froh sein, daß wir auf diesem Weg in etwa 10 Millionen Mark erwirtschaften haben. Vor etwa zwei Jahren haben wir aber auch die „Europäische Stiftung für den Aachener Dom“ gegründet. Und hier haben wir als Schirmherren, natürlich unseren Bischof, dann haben wir unseren Bundeskanzler, Dr. Helmut Kohl, und den luxemburgischen Ministerpräsidenten gewinnen können. Dann haben wir um das ganze publik zu machen, mit Helfern, die das mit ihrem Namen tun, und weniger mit ihren privaten Mitteln, ein Kuratorium gebildet.
 
Der Kurator soll ja „curare“ mit dafür sorgen, daß das läuft. Da haben wir Staatspräsidenten oder sonst herausragende Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben für das Kuratorium gewinnen können. Darüber sind wir sehr froh. Wir wollen zum Karlsfest nächsten Jahres die konstituierende Sitzung in Aachen abhalten. Wir sind insbesondere froh, daß unser Bundespräsident zu den Kuratoren gehört. Diese sprechen wir weniger an, damit sie uns Mittel beschaffen. Primär sehen wir den Sinn der Stiftung darin, daß unsere kulturelle und religiöse Werteordnung aufrechterhalten wird, die ja im Aachener Dom und seiner Bedeutungsgeschichte symbolisiert wird.
 

Latein war für viele Jahrhunderte die Sprache der Theologie, der Wissenschaft und die liturgische Sprache im Gottesdienst. Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur lateinischen Sprache? Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrem altsprachlichen Unterricht während Ihrer Schülerzeit?
 

Dr. Müllejans: Mein persönliches Verhältnis kommt zum Beispiel darin zum Ausdruck, daß ich Mitglied von PLL bin. Ich war bei einer Veranstaltung des Vereins dabei. Darin kommt also meine Grundeinstellung rüber. Es wäre jammerschade, wenn die klassischen alten Sprachen untergehen würden. Man sagt ja, der unmittelbare Nutzwert des Latein sei zweitrangig, ich begründe meine Einstellung zum Latein damit, daß ich die deutsche Sprache über die lateinische kennengelernt habe. Ich beherrsche die deutsche Grammatik perfekt dank des Lateinischen. Ich würde mir wünschen, daß viel Schwafelei heute so verhindert werden würde, indem man die Texte, ehe man sie publiziert, erst ins Lateinische übersetzen muß. Da kämen wir mit viel weniger viel besser aus. Das war also jetzt etwas humorvoll gesagt. Im übrigen ist unsere ganze Begriffswelt vom Lateinischen geprägt ist. Selbst die angelsächsischen Sprachen, die englische Sprache zumal, stammen zu mindestens 60 %, ich bin da kein Fachmann, aus dem Latein. Von den romanischen Sprachen ganz zu schweigen. Mit Latein kann ich in der ganzen romanischen Welt bestehen. Egal ob Frankreich, Spanien oder Portugal, „vinum“ verstehen alle. Damit kommt mein persönliches Verhältnis zum Ausdruck. Ich habe immer gerne Latein gehabt, und hatte auch immer gute Noten, ganz im Gegensatz zu Sport. Da die Nazis unsere Gymnasien früher umgewandelt hatten in Oberschulen, wurde das Griechische leider abgeschafft.

Ich bin froh darüber, daß ich als junger Theologiestudent am Beethoven-Gymnasium in Bonn das großeGraecum gemacht habe. Froh bin ich über zwei Semester Hebräisch, aber davon ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Mit der Errichtung der Domsingschule in Trägerschaft des Domkapitels haben Sie an die zwölfhunderjährige Tradition der von Karl dem Großen gegründeten Schule angeknüpft. Von Karl dem Großen wird berichtet, daß er sich von den Schülern Texte vorlesen ließ und seinem Mißfallen Ausdruck gabe, wenn ihm die Vortragsweise nicht gefiel.

Dr. Müllejans: Die Domsingschule ist eine private katholische Grundschule für Jungen, die staatlich anerkannt und in ihren Betriebskosten vom Staat deshalb auch zum großen Teil refinanziert wird. Dies tut der Staat wegen der herausragenden kulturellen Bedeutung des Aachener Domchores. Der Aachener Domchor ist in seiner Tradition ein Männer- und Knabenchor. Deshalb sind traditionsgemäß keine Frauenstimmen vorhanden, was mit der Frauenfrage absolut nichts zu tun hat, sondern es geht um die Musik, die für Knabenstimmen geschrieben worden ist und die hier gepflegt wird. Die Domsingschule ist eine Grundschule.
 

Die Kinder haben jeden Tag eine Stunde Musikunterricht, insofern ein Sonderprofil, im übrigen eine ganz normale Grundschule. In früheren Jahren war sie überlaufen, dann kamen Krisenzeiten. Seit einigen Jahren haben wir guten Zuspruch und in diesem Jahr konnten wir leider nicht alle Kinder aufnehmen. In der Tat steht diese Domsingschule im Dienst auch des Domchores und wir hoffen, daß möglichst viele Absolventen der Domsingschule in der Schar der Domsingknaben bleiben. Die allermeisten Schüler sind schon im dritten oder spätestens im vierten Schuljahr im Domchor. Dies knüpft an die über zwölfhundertjährige Tradition an. Es ist historisch erwiesen, daß Karl der Große bereits eine Singschule - Capella Carolina - damals eingerichtet hat für die feierliche Gestaltung der Gottesdienste am Dom. Karl der Große war sicher hier engagiert. Über Details gibt es nur legendäre Berichte. Ob er sich Texte hat vorlesen lassen, ist mir nicht bekannt, auch nicht, ob es darüber etwas gibt. Man darf sehr wohl vermuten, daß er sich konkret hat unterrichten lassen. Beweisen kann ich das nicht.
 

Können Sie etwas über das Verhältnis der Domsingschüler zum Dompropst erzählen?
 

Dr. Müllejans: Einmal sind ja die Domsingschüler schon teilweise im Domchor. Ich nehme an den Domchorreisen teil. In der Domsingschule vertrete ich das Domkapitel. Das Domkapitel ist der Träger dieser Schule. Ich nehme also an den Schulkonferenzen teil, teils auch an den Lehrerkonferenzen und einige Male im Jahr besuche ich die Domsingschule. Ich stelle mich dann vor und versuche bei den Kinder zu eruieren, was nun der Sinn einer solchen Domsingschule ist und warum sie darin sind. Ich ermuntere sie dann auch mitzuarbeiten und später das anzuerkennen, was gute Lehrer geboten haben und dafür zu danken durch die Mitgliedschaft in der Schar der Domsingknaben und später im Domchor.
 
 

Das Jahr 2000 steht bevor, eine Heiligtumsfahrt ist vorzubereiten. Haben Sie dabei ein besonderes Anliegen in der Vorbereitungszeit, das einer Unterstützung durch viele ehrenamliche Mitarbeiter bedarf?
 

Dr. Müllejans: Das Jahr 2000 bezieht sich ja nach unserem Glauben auf die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth und ist insofern ein Jubiläumsjahr für die ganze Christenheit. In Aachen trifft sich das besonders gut, weil nach dem jahrhundertealten Turnus in diesem Jahr auch die erste sog. Heiligtumsfahrt nach Aachen stattfinden wird. Der besondere Bezug zum Jahr 2000 besteht darin, daß die Aachener Heiligtümer ja Reliquien sind, genauer gesagt biblische Reliquien, noch genauer Textilien sind, die auf den Ursprung des Christentums einen direkten Bezug haben. Maria gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz war. Wir haben dieses Symbol der Menschwerdung eben in dieser Reliquie erhalten. Diese ist besonders wichtig, weil es in der Bibel heißt „Gott ist uns in Jesus von Nazareth gleich geworden in allem, außer der Sünde. D. h. Jesus war auf das angewiesen, was man früher Windeln nannte und heute Pampers. Man kann darüber zunächst lächeln, aber für mich ist das ein ganz deutlicher Hinweis, daß Jesus nicht im Lamettakleidchen vom Himmel gefallen ist, sondern Sohn einer irdischen Mutter war.

Deshalb auch der Bezug auf die Gottesmutter, die den Mensch gewordenen Gottessohn geboren hat. Das Kleid Mariens hatte mehr oder weniger die Funktion eines Umstandskleides. Das Lendentuch des Herrn ist ein Zeichen der Erlösung und insofern gipfelt die Menschwerdung in der Erlösung durch Tod und Auferstehung des Herrn. Schließlich ist da noch das Enthauptungstuch Johannes des Täufers, der erste, der seinen Kopf hingehalten hat für Christus. Das ist auch ein Appell, daß es nicht nur um die äußere Feier des Jahres 2000 geht, sondern daß es sich um eine geistliche und geistige Erneuerung geht. Daß wir Christen zur Besinnung kommen und wir gerade an dieser Wende des christlichen Jahrtausends überlegen, wie das mit Christentum und Kirche im Dritten Jahrtausend aussehen wird. Aus diesem Grund hat der Bischof mich auch beauftragt, die Vorbereitung für das Jahr 2000 nicht nur auf Aachen zu beziehen, sondern dies im ganzen Bistum zu koordinieren, was ich mit einer Arbeitsgruppe gerne tue. Hinzu kommt noch, daß im Jahr 2000 Zwölfhundert Jahre Kaiserkrönung Karls des Großen ist. Wenn man das alles sieht und die Aufgaben, die auf uns zukommen, sind wir für jede ehrenamtliche Hilfe, für Ratschläge, Vorschläge, auch für Kritik sehr dankbar.
 

Herr Dompropst, wir danken Ihnen für dieses Interview.

(Das Interview führte Martin Fröhlich)